Medibüro – Kiel

Wer wir sind & was wir tun

Die Medizinische Hilfe für Menschen ohne Papiere (Medibüro) vermittelt anonym qualifizierte medizinische Behandlungen für Illegalisierte*. Dabei arbeiten wir mit ÄrztInnen, PsychologInnen, Hebammen und DolmetscherInnen zusammen.

Während unserer Bürozeiten vermitteln wir PatientInnen unentgeltlich an die entsprechenden Fachkräfte weiter. Grundsätzlich sind dann zwei Personen im Büro anwesend, davon ist immer eine weiblich und eine verfügt über medizinische Kenntnisse.

Kosten für Medikamente, labortechnische Untersuchungen, bildgebende Verfahren etc. finanzieren wir soweit nötig und möglich über Spendengelder. Bei schweren und chronischen Erkrankungen oder Schwangerschaften, die eines Krankenhausaufenthaltes bedürfen, versuchen wir zusammen mit den behandelnden Hebammen und ÄrztInnen eine Lösung zu finden.

Es werden keine Daten weitergegeben und alle beteiligten Personen unterstellen sich der Schweigepflicht.

Bei  rechtlichen und sozialen Fragen leiten wir die Betroffenen an die entsprechenden Beratungsstellen weiter.

Das Medibüro ist selbstorganisiert und nichtstaatlich. Alle Beteiligten arbeiten unentgeltlich.

Zur Situation von »Menschen ohne Papiere« in der BRD

In der Bundesrepublik Deutschland leben nach Schätzungen von Wohlfahrtsverbänden zwischen 500 000 und einer Million Menschen “ohne Papiere“, d. h. ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Viele von ihnen auch in Schleswig-Holstein. Menschen ohne Papiere sind ein Teil unserer Gesellschaft, leben aber in ständiger Angst, entdeckt zu werden.

Ihre Migrationsgeschichten, insbesondere die Gründe, die zu einem Leben in der Illegalität führten, sind sehr unterschiedlich. Krieg, autoritäre Gesellschaftssysteme, wirtschaftliche Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, die Auswirkungen der Klimaveränderung und andere Faktoren zwingen Menschen, ihre Heimat zu verlassen.

Einerseits wird es durch die restriktiven Regelungen des Asyl- und Aufenthaltsrechts immer schwieriger für sie, einen sicheren Aufenthalt in der inzwischen sprichwörtlichen Festung Europa zu bekommen. Andererseits werden Menschen ohne Papiere  z. B. in den Bereichen Gastronomie, Bau und Pflege als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Nicht selten kommt es zu schwerer Ausbeutung bis hin zum Menschenhandel.

Illegalisierung ist Entrechtung. Menschen ohne Papiere werden durch die bestehende Gesetzeslage beim Zugang zu Bildung, Justiz, Arbeit und Gesundheitsversorgung ausgegrenzt.

Faktischer Ausschluss von Gesundheitsversorgung

Illegalisierte können keine Krankenversicherung abschließen. Sie haben lediglich das Recht auf eine Akutversorung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Das bedeutet für sie im besten Falle das Abwenden von lebensbedrohlichen Zuständen (z.B. nach Unfallgeschehen).

Das Sozialamt ist verpflichtet, die Kosten für Akutversorgung zu übernehmen. Für die Kostenübernahme muss das Sozialamt Daten erheben, darf diese aber nicht ohne Weiteres  an die Ausländerbehörde weiterleiten. Dies gilt seit Inkrafttreten der Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz im Herbst 2009. Jedoch bestehen weiterhin unter Illegalisierten berechtigte Ängste, dass durch Weitergabe der Daten ihr Status aufgedeckt wird und sie anschließend abgeschoben werden.

Das Medibüro Kiel vermittelt auch Menschen aus den neuen EU-Ländern (z.B. Rumänien) in medizinische Versorgung. Viele von ihnen flüchten aus extremer Armut und Diskriminierung in ihren Herkunftsländern. Neu-EU-BürgerInnen sind freizügigkeitsberechtigt, doch sind einige prekär oder gar nicht beschäftigt und werden häufig von Sozialleistungen ausgeschlossen. Viele verfügen über keine Krankenversicherung. In diesen Notlagen vermittelt das Medibüro Kiel in Gesundheitsversorgung

Unsere Ziele

Das Medibüro will die Situation von Illegalisierten auf praktischem und politischem Wege verbessern und menschliche Notlagen mindern. Da ihr faktischer Ausschluss aus dem regulären Gesundheitssystem vor allem politisch begründet ist, fordern wir politische Lösungen. Gesundheitsversorgung muss unabhängig vom Aufenthaltsstatus für alle Menschen zugänglich sein. Das ist ein Menschenrecht.

Langfristiges Ziel unserer Arbeit ist die Abschaffung von Sondergesetzen für MigrantInnen und Geflüchtete. Wir richten uns grundsätzlich gegen alle Formen der gesellschaftlichen Ausgrenzung und fordern gleiche Rechte für alle.

 

* Wir sprechen von Menschen ohne Papiere oder Illegalisierten statt von „Illegalen“ – frei nach dem Zitat von Elie Wiesel:

„Ihr sollt wissen, dass kein Mensch illegal ist. Das ist ein Widerspruch in sich.
Menschen können schön sein oder noch schöner. Sie können gerecht sein oder ungerecht. Aber illegal? Wie kann ein Mensch illegal sein?“
Sie können nur Handlungen begehen, die im Widerspruch zu den Gesetzen und hier insbesondere zu den ausländerrechtlichen Sondergesetzen stehen.